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Geschichte der Sanitätsgruppe Süd-West

Von der Notwendigkeit zur Gründung…

 
Als im März 1997 der 3. Castortransport in der Geschichte Deutschlands vom AKW Neckarwestheim Richtung Gorleben rollte, war es klar, dass dieser durch Aktionen von AtomkraftgegnerInnen und der darauf folgenden polizeilichen Maßnahmen begleitet würde. Ebenso klar war, dass diese Konfrontation zwischen PolizeibeamtInnen und DemonstrantInnen nicht ohne Verletzungen ablaufen würde. Deshalb wurde ein erfahrener Rettungssanitäter vom damals im lokalen Widerstand federführenden Bundes der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar (BBMN) mit der Aufgabe betraut, eine Gruppe zu bilden, die sich um die sanitätsdienstliche Absicherung der Gegenproteste kümmert.

Die neue Gruppe bestand aus den unterschiedlichsten Charakteren, die die unterschiedlichsten Motivationen mit sich brachten. Gemein war ihnen nur der Wille zu helfen. Mit teilweise äußerster Skepsis den DemonstrantInnen gegenüber und einer eher positiven Haltung zum Thema Atomkraft gelangte manch einE SanitäterIn zu den Blockaden am Atomkraftwerk Neckarwestheim.

In den darauf folgenden Tagen der Proteste trafen die SanitäterInnen auf eine bunte Vielfalt kreativer Aktionen, die bleibende Eindrücke hinterließen. Gleichzeitig mussten sie teils heftige Auseinandersetzungen miterleben. Friedliche Sitzblockade wurden von der Polizei mit Wasserwerfer und Schlagstock aus dem Weg geräumt.

Dieses Vorgehen hatte, wie im Vorfeld vermutet, zahlreiche Verletzte zur Folge und veranlasste die Gruppe tätig zu werden. Die SanitäterInnen erkannten die generelle Notwendigkeit der sanitätsdienstlichen Absicherung von Versammlungen. Eine neu Demosanitätsgruppe unter dem Namen „Demo-Sanitäter Ludwigsburg“ war entstanden.
 

Wie es weiter ging…

 
„Es gibt nur eine Methode Medizin zu machen, und diese besteht darin sie so gut zu machen wie es möglich ist. Dies heißt vor allem sie professionell zu machen. Ob naturheilkundlich, konservativ, ganzheitlich, traditionell, ob östlich oder westlich – all‘ solche Fragen können, so wichtig sie auch sind, erst danach kommen; angesichts der tiefen Nöte, die uns in der Medizin allzeit begegnen können.“ (Volker 2001)

Ein professionelles Auftreten und höchste medizinische Standards waren der Gruppe von Beginn an wichtig. Bereits ein halbes Jahr nach der Gründung wurde eine für alle Helfer einheitliche Kennzeichnung mittels roter, rettungsdiensttyperischer Westen eingeführt. Systematisch wurde das medizinische Equipment ausgebaut. Der anfängliche, einzelne Rettungsrucksack wurde um zwei weitere ergänzt. Im August 1998 folgte die Indienststellung des ersten Sauerstoffrucksacks. Durch gezielte Werbeaktionen konnten weitere Mitglieder gewonnen werden. Im Demokratischen Zentrum Ludwigsburg (Demoz) bekam die Gruppe ihr erstes Büro und nannten sich in der Folge auch „Sanitätsgruppe im Demokratischen Zentrum Ludwigsburg“.

Ziel war von Anfang an nicht das Leisten reiner Ersten Hilfe, sondern eine notfallmedizinische Versorgung auf maximal möglichem Niveau. Viele Fehler mussten allerdings erst gemacht, viele Erfahrungen erst gesammelt werden, denn es gab nur wenige Erfahrungswerte, auf die sich die Gruppe anfänglich stützen konnte. Die neu entstandene Gruppe aus dem Großraum Stuttgart war die erste ihrer Art. Vor ihr hatte sich seit über einem halben Jahrhundert niemand mehr an das Projekt gewagt, Protestaktionen und Demonstrationen auf rettungsdienstlichem Niveau notfallmedizinisch zu begleiten. Bisherige Demosanitätsgruppen waren mit wenig Material und nur wenig Kennzeichnung direkt als DemonstrantInnen im Geschehen dabei. Oft wurden sie verhaftet, bevor sie Hilfe leisten konnten, wurden nicht zu den Patienten durchgelassen oder hatten einfach nicht das notwendige Material dabei, um effektiv zu helfen.

In den Folgejahren entwickelte sich die Gruppe weiter. Das Aufgabengebiet erweiterte sich zunehmend. Bald wurde nicht nur die medizinische Versorgung bei Versammlungen übernommen, auch das leibliche Wohl fand mit Volxküchen seine Aufmerksamkeit. Für Kletteraktionen wurde eine Höhenrettungsgruppe eingerichtet. Ebenfalls stand ein zunehmend breiteres Ausbildungsangebot zur Verfügung. Die Thematische Ausrichtung erweiterte sich zunehmend. Neben Protestaktionen und Versammlungen wurden bald auch nicht kommerzielle Kulturveranstaltungen mit Sanitätsdiensten unterstützt. Nach der Fusion mit der Demosanitätsgruppe aus dem Gebiet Rhein-Neckar benannte sich die Gruppe um und war ab diesem Zeitpunkt unter dem Namen „Sanitätsgruppe Rhein-Neckar / Ludwigsburg“ aktiv.
 

Und in jüngerer Zeit…

 
Da sich die Gruppe bis heute in wesentlichen Teilen aus den privaten Taschen ihrer Mitglieder finanziert, sind die Recourcen für Anschaffungen schon immer begrenzt gewesen. Trotzdem, nach langem Sparen und Sammeln, nahm die Ausrüstung zunehmend die gewünschten Formen an. Die Gruppe trat nun in leuchtgelber Einsatzkleidung, damals selbst für den Rettungsdienst ein Novum, ihre Einsätze an.

„They are widely known for the use of fluorescent-yellow-with-red ambulance „uniforms“ and heavy medical equipment in backpacks weighing up to 30 kgs.“ (http://medic.wikia.com/)

Im Jahr 2003 erhielt die Sanitätsgruppe ihren heutigen Namen, gab diesen 2010 allerdings kurzzeitig auf, um dann aber doch wieder unter ihm weiter zuarbeiten. Seit Gründung hatte sich die personelle Besetzung der Gruppe stark geändert. Zeitweise heftige Personalprobleme führten fast zur Auflösung, denn immer wieder verließen Mitglieder die Gruppe. Doch es kamen auch neue SanitäterInnen aus dem ganzen Bundegebiet hinzu.

Logo Sanitätsgruppe Süd-West2013 setzte sich das letzte Gründungsmitglied weitgehend zur Ruhe. Auch weiterhin wird die Gruppe mit gewohnt hohen Standards weitergeführt. Es erfolgte eine schrittweise Umstrukturierung, bei der die materielle Ausstattung erneuert wurde. Seitdem treten die SanitäterInnen der Sanitätsgruppe Süd-West ihre Einsätze in leuchtroter Einsatzkleidung an. Im Sommer 2015 erhielt die Gruppe ein neues Logo. Im August 2017 wurde ein gemeinnütziger Verein gegründet unter dessen Dach die künftige Arbeit der Gruppe statt finden wird. In diesem Zuge erhielt die Sanitätsgruppe Süd-West den Zusatz “e.V.“